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Markenporträt

NIO: Mit Wechselakkus von der Beinahe-Pleite zur Million

2020 rettete die Stadt Hefei den Hersteller, 2026 lief das millionste NIO vom Band. In China tauschen über 4.000 Stationen Akkus in Minuten, in Deutschland hat NIO sein Geschäft 2026 neu geordnet.

6 Min. Lesezeit · Stand Oktober 2026 ·

Shenzhen, Mai 2018: Im Stadtteil Nanshan eröffnet NIO seine erste Power Swap Station. Wer hineinfährt, bekommt in wenigen Minuten vollautomatisch eine geladene Batterie eingesetzt, anfangs nur für das SUV ES8. Acht Jahre später betreibt NIO in China mehr als 4.000 solcher Stationen, im August 2026 lief dort der 120-millionste Tausch. Dazwischen stand das Unternehmen kurz vor der Pleite. Und in Deutschland, wo NIO 2022 mit großem Auftritt in Berlin startete, wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt von Januar bis September 2026 nur 20 neue NIO zugelassen.

  • 2014

    in Shanghai gegründet

  • 326.028

    ausgelieferte Fahrzeuge weltweit 2025

  • 4.006

    Tauschstationen in China (August 2026)

  • 21

    Tauschstationen in Deutschland (Sept. 2025)

Start auf der Rennstrecke

Gegründet wurde NIO im November 2014 in Shanghai von William Li, der zuvor das Autoportal Bitauto aufgebaut hatte. Das Start-up hieß zunächst NextEV und machte sich zuerst im Motorsport einen Namen: In der ersten Formel-E-Saison 2014/15 gewann Nelson Piquet junior für das Team den Fahrertitel. Als Geldgeber kamen unter anderem Tencent, Temasek und Sequoia an Bord.

2015 eröffnete NextEV ein Design- und Markenzentrum in München, in der Nähe vieler deutscher Premiumhersteller. Dort arbeitet seit Juni 2015 Designchef Kris Tomasson, der von BMW kam. Der chinesische Name der Firma, Weilai, bedeutet sinngemäß „Der blaue Himmel kommt“, eine Anspielung auf den Smog in Chinas Großstädten. Auch das Logo greift das Motiv auf: Der obere Teil steht laut NIO für den Himmel, der untere für die Erde, dazwischen liegt der Horizont.

Bevor NIO ein einziges Auto verkaufte, holte ein Fahrer des Teams schon den Titel in der Formel E.

Blauer Formel-E-Rennwagen des NIO-Teams mit der Startnummer 16 auf einem Podest in einem Showroom
Formel-E-Rennwagen des NIO-Teams in einem Showroom in Peking (2019)Foto: Pieceofmetalwork / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0

Vom Supersportwagen zur Beinahe-Pleite

Im November 2016 stellte sich die Marke in der Londoner Saatchi Gallery unter dem neuen Namen NIO vor, zusammen mit dem EP9: ein Elektro-Supersportwagen mit einem Megawatt Leistung, mit dem NIO Rundenrekorde für Elektroautos aufstellte, unter anderem auf der Nordschleife des Nürburgrings. Sechs Exemplare gingen für je 2,5 Millionen Pfund an Investoren. Das erste Serienauto, das große SUV ES8, kam im Juni 2018 zu den Kunden, im September desselben Jahres ging NIO in New York an die Börse.

Der schnelle Aufbau verschlang viel Geld. Bis 2020 hatte die Aktie seit dem Börsengang 62 Prozent verloren, Anfang 2020 stand NIO kurz vor der Pleite. Die Rettung kam aus Hefei: Die Stadt übernahm rund ein Viertel der neuen Tochter NIO China, die seitdem dort ihren Sitz hat, und im April 2020 flossen rund eine Milliarde Dollar frisches Kapital. Gebaut wurden die Autos ohnehin in Hefei, vom Partner JAC. Ende 2023 kaufte NIO dessen Werke und wurde damit selbst zum Hersteller.

2020 rettete die Stadt Hefei das Unternehmen, sechs Jahre später lief das millionste NIO vom Band.

Dunkler Elektro-Supersportwagen NIO EP9 hinter einer Absperrkordel in einem hellen Showroom, im Hintergrund weitere Fahrzeuge
Supersportwagen EP9 in einem NIO-Showroom in Oslo (2023)Foto: Ssu / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0

Tauschen statt warten

Hinter dem Akkutausch steckt eine einfache Idee: Auto und Batterie werden getrennt. Seit August 2020 können Kunden den Akku im Abo Battery as a Service (BaaS) mieten, statt ihn zu kaufen; dafür gründete NIO mit dem Batteriehersteller CATL und weiteren Partnern eine eigene Batteriegesellschaft. Weil alle Tauschakkus dieselben Außenmaße haben, passen sie in alle tauschfähigen Modelle. So lässt sich auch ein größerer Akku nutzen, dauerhaft oder nur für einige Monate. Eine Station wie die erste deutsche an der A8 ist für bis zu 312 Tauschvorgänge am Tag ausgelegt und lädt bis zu 13 Akkus gleichzeitig mit 40 bis 80 kW, schonend für Netz und Batterie.

Das Netz wuchs schnell: Ende 2022 standen in China 1.305 Stationen, im August 2026 waren es 4.006. Mit Changan, Geely, JAC und Chery vereinbarte NIO Kooperationen zu Tauschstandards, die Stationen für Europa entstanden in einem eigenen Werk in Ungarn. Seit August 2026 baut NIO die fünfte Generation, die erstmals Modelle aller drei Konzernmarken bedient: NIO, die 2024 gestartete Familienmarke ONVO und die Kleinwagenmarke firefly. 2025 lieferte der Konzern zusammen 326.028 Autos aus, knapp die Hälfte mehr als im Vorjahr. Im vierten Quartal schrieb NIO erstmals einen Quartalsgewinn, am 6. Januar 2026 lief das einmillionste Fahrzeug vom Band.

Graue Batterietauschstation auf einem Parkplatz mit offener Einfahrt, darin ein hellblaues NIO-SUV auf der Tauschplattform, daneben geparkte Autos
Akkutausch an einer NIO Power Swap Station in Peking (2020)Foto: bfishadow / Wikimedia Commons · CC BY 2.0

Großer Auftritt in Berlin

Nach Europa kam NIO 2021 über Norwegen, im September öffnete in Oslo das erste NIO House außerhalb Chinas. Am 7. Oktober 2022 folgte in Berlin der Auftakt für Deutschland, die Niederlande, Schweden und Dänemark, mit einem Event unter dem Motto „A New Horizon“, das weltweit live übertragen wurde. Schon vorher hatte an der A8 bei Zusmarshausen die erste deutsche Tauschstation eröffnet, wenige Tage später gingen die ersten Limousinen ET7 an Kunden.

Verkauft wurde direkt, ohne Händler: über die NIO Deutschland GmbH in München, online und in NIO Houses, Treffpunkten mit Showroom, Café und Veranstaltungsflächen. Das erste eröffnete im Dezember 2022 am Berliner Breitscheidplatz mit Blick auf die Gedächtniskirche, heute gibt es NIO Houses in Berlin, Düsseldorf und Frankfurt. Zum Start gab es nur ein Auto-Abo, ab November 2022 auch den Kauf, wahlweise mit eigener oder gemieteter Batterie. Bis September 2025 wuchs das Tauschnetz in Deutschland auf 21 Stationen, die bislang letzte steht in Hamburg neben einem Schnellladepark der EnBW.

Die Verkäufe hielten nicht Schritt. Laut Kraftfahrt-Bundesamt wurden 2023 in Deutschland 1.263 NIO neu zugelassen, 2024 noch 398 und 2025 nur 325. Ganz vollständig ist das Bild nicht: Ein Abo-Auto wird nur einmal zugelassen, auch wenn es nacheinander mehrere Kunden fahren.

Fassade des NIO House in Oslo vor der Eröffnung, große Fensterflächen mit NIO-Logo und norwegischem Begrüßungstext
NIO House in Oslo kurz vor der Eröffnung (2021): Norwegen war der erste Markt außerhalb ChinasFoto: Premeditated / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0

2026: Neuordnung in Europa

2026 ordnete NIO sein Europageschäft neu. Gesteuert wird seitdem stärker europaweit als Land für Land, der Deutschland-Chef gab seine operative Rolle ab, und Berichten zufolge setzt NIO in der EU außer in Norwegen künftig mehr auf Vertriebspartner. Ende September 2026 sollten die Hubs in Köln und Weiterstadt bei Frankfurt schließen, danach bleibt der NIO Hub in München der einzige eigene Standort mit Werkstatt. Wartungstermine laufen über die NIO App und geschulte Partnerwerkstätten.

Als Gründe nennt NIO Zölle, stärkeren Wettbewerb und eine langsamere Marktentwicklung, einen Rückzug aus Europa oder Deutschland verneint die Marke. Bestehende Fahrzeuge will NIO weiter mit Service, Garantie und Ersatzteilen versorgen. Neue Tauschstationen sind in Europa vorerst nicht geplant, neue Modelle auf der nächsten Plattform werden frühestens Ende 2027 erwartet, und die Marke ONVO soll erst 2028 oder 2029 nach Europa kommen. Die Kleinwagenmarke firefly gehört in Deutschland bisher nicht zum Angebot.

In China wächst das Tauschnetz weiter, in Europa soll es vorerst auf dem heutigen Stand bleiben.

NIO in Jahreszahlen

  1. 2014William Li gründet in Shanghai NextEV, das spätere NIO.
  2. 2015Fahrertitel in der ersten Formel-E-Saison, Designzentrum in München.
  3. 2016Markenstart als NIO in London, zusammen mit dem Elektro-Supersportwagen EP9.
  4. 2018Erstes Serienmodell ES8, erste Power Swap Station in Shenzhen, Börsengang in New York.
  5. 2020Rettung mit Kapital aus Hefei, NIO China zieht dorthin; das Batterie-Abo BaaS startet.
  6. 2021Norwegen wird erster Markt außerhalb Chinas, in Oslo öffnet das erste NIO House im Ausland.
  7. 2022Start in Deutschland am 7. Oktober in Berlin, erste deutsche Tauschstation in Zusmarshausen.
  8. 2024NIO stellt die Marken ONVO und firefly vor.
  9. 202521. Tauschstation in Deutschland, erster Quartalsgewinn des Konzerns.
  10. 2026Das einmillionste NIO läuft vom Band, das Europageschäft wird neu geordnet.

Für Käufer

Was das für dich heißt

  • Garantie: 5 Jahre oder 150.000 km auf das Auto (ET5 und ET5 Touring 3 Jahre oder 90.000 km, erweiterbar), 8 Jahre oder 160.000 km auf eine gekaufte Batterie.
  • Batterie: kaufen oder ab 169 Euro im Monat mieten, den Akkutausch an den Stationen gibt es nur mit gemieteter Batterie.
  • Service: Die einzige eigene Werkstatt ist der NIO Hub in München, sonst übernehmen Partnerwerkstätten, Termine gibt es über die NIO App (Stand Oktober 2026).
  • Laden: 21 Tauschstationen in Deutschland (Stand September 2025), neue plant NIO in Europa vorerst nicht.

Quellen

  1. NIO Deutschland: Auftakt „NIO Berlin 2022“ für den Europastart (22.09.2022)
  2. NIO Deutschland: Erste Power Swap Station in Deutschland (September 2022)
  3. NIO Deutschland: 21. Power Swap Station in Hamburg (05.09.2025)
  4. NIO: Auslieferungen im Dezember, im vierten Quartal und im Gesamtjahr 2025 (01.01.2026, englisch)
  5. electrive: Nio stellt Struktur im Europa-Geschäft um (05.03.2026)
  6. electrive: Nio startet fünfte Generation von Batteriewechselstationen (14.08.2026)
  7. electrive: Nio schließt Hubs in Köln und Weiterstadt (23.09.2026)
  8. Kraftfahrt-Bundesamt: Neuzulassungen nach Marken und Modellreihen (FZ 10), Datenlizenz by-2-0 · Lizenztext
  9. Wikipedia: Nio Inc. (englisch)
  10. Wikipedia: Nio (Automobilhersteller)

Stand Oktober 2026. Angaben nach bestem Wissen und ohne Gewähr. Fotos von Wikimedia Commons, Urheber und Lizenz stehen am jeweiligen Bild.

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