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Markenporträt

GWM: Vom Pick-up aus Baoding zum Neustart in Europa

Ein Mittzwanziger übernahm 1990 eine verschuldete Fahrzeugfirma und machte daraus einen Konzern mit 1,3 Millionen Autos im Jahr. In Europa schloss GWM 2024 seine Zentrale, nun folgt der Neustart.

6 Min. Lesezeit · Stand Oktober 2026 ·

Baoding, Juli 1990: Die Gemeinde Nandayuan sucht einen neuen Direktor für ihre Fahrzeugfirma Great Wall. Der Gründer Wei Deliang ist im Jahr zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen, es fehlt an Fachleuten, und es gibt Schulden. Den Posten bekommt sein Neffe Wei Jianjun, Mitte zwanzig, zunächst für fünf Jahre. Er steht bis heute an der Spitze, und Great Wall Motor verkaufte 2025 gut 1,3 Millionen Fahrzeuge. In Europa dagegen hat der Konzern schon mehrere Anläufe hinter sich.

  • 1984

    erste eigene Fahrzeuge aus Baoding

  • 1,3 Mio.

    verkaufte Fahrzeuge weltweit 2025

  • 4.660

    Neuzulassungen in Deutschland 2023

  • 1.189

    Neuzulassungen in Deutschland 2026 bis Sept.

Die Werkstatt von Nandayuan

Angefangen hatte alles 1976 mit einer Reparaturwerkstatt für Landmaschinen in Baoding in der Provinz Hebei, die Wei Deliang zusammen mit der Gemeinde Nandayuan betrieb. Ab 1984 baute sie eigene Nutzfahrzeuge und nannte sich Great Wall Industry Company, nach der Chinesischen Mauer. GWM selbst nennt heute 1990 als Gründungsjahr, das Jahr, in dem Wei Jianjun die Leitung übernahm.

Wei brachte sich mit seinem Team den Autobau selbst bei. Als neue Vorschriften Ende 1994 das Aus für die eigenen Limousinen brachten, setzte er auf Pick-ups, nach dem Vorbild des Toyota Hilux. 1996 kam der Deer auf den Markt, günstig und von ordentlicher Qualität, und machte Great Wall zum führenden Pick-up-Hersteller Chinas. Im Oktober 1997 gingen die ersten Pick-ups in den Nahen Osten. 1998 wurde die Firma privatisiert, am 15. Dezember 2003 ging sie in Hongkong an die Börse, als erster privater Autohersteller Chinas.

Weißer Pick-up Great Wall Deer mit Doppelkabine, am Straßenrand geparkt
Pick-up Great Wall Deer (Baujahr 2009), Modellreihe von 1996Foto: order_242 from Chile / Wikimedia Commons · CC BY-SA 2.0

Der H6 macht GWM zur SUV-Marke

Anfangs ähnelten viele Great-Wall-Autos Modellen anderer Hersteller, es folgten Rechtsstreitigkeiten. In Italien durfte der Kleinwagen Peri nicht verkauft werden, weil er dem Fiat Panda zu sehr glich. Die Wende brachte der Haval H6, 2010 auf der Messe in Guangzhou vorgestellt: ein geräumiges SUV für Familien aus Chinas wachsender Mittelschicht und keine direkte Kopie eines anderen Modells. Rund acht Jahre lang war er das meistverkaufte SUV in China, bis 2024 wurden weltweit mehr als vier Millionen H6 verkauft. 2013 wurde Haval zur eigenen SUV-Marke, 2016 baute Great Wall erstmals mehr als eine Million Autos in einem Jahr.

Dann kamen weitere Marken: 2017 die Premiummarke WEY, benannt nach dem Familiennamen von Wei Jianjun, 2018 die Elektromarke ORA, deren Name laut GWM für open, reliable und alternative steht, 2021 die Geländewagenmarke TANK. 2018 vereinbarte GWM mit BMW das Gemeinschaftsunternehmen Spotlight Automotive, das in China elektrische Minis baut. 2025 verkaufte der Konzern so viele Fahrzeuge wie nie zuvor, mehr als 500.000 davon im Ausland. Den größten Teil trug Haval bei, mit rund 758.600 Autos, dahinter folgten die Geländewagen von TANK mit rund 232.700.

Mehr als vier Millionen verkaufte H6 bis 2024: Mit einem SUV wurde aus dem Pick-up-Spezialisten ein Großserienhersteller.

Autohaus mit dunkler, strukturierter Fassade und großem GWM-Schriftzug, davor Pick-ups und SUV hinter einem Zaun
GWM-Autohaus in Santiago de Chile (2026)Foto: Carlos Figueroa Rojas / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0

Europa: Anlauf um Anlauf

Nach Europa kam Great Wall früh. Im September 2006 gingen 500 SUV vom Typ Hover nach Italien. Es war das erste Mal, dass ein privater chinesischer Autohersteller Autos in großer Zahl nach Europa lieferte. Im Februar 2012 eröffnete bei Lowetsch in Bulgarien das erste Montagewerk eines chinesischen Autobauers in der EU. Betrieben wurde es vom bulgarischen Partner Litex Motors, die Teile kamen aus China, 2013 entstanden dort rund 2.000 Autos. 2017 meldete Litex Konkurs an, die Montage endete.

Der nächste Anlauf zielte auf Deutschland. 2017 feierte WEY auf der IAA in Frankfurt Europapremiere, 2021 zeigte GWM auf der IAA in München die SUV Coffee 01 und Coffee 02 und die Studie iNest. Im November 2021 eröffnete in München eine Europazentrale, gegenüber dem Forschungszentrum von BMW. Bis zu 300 Leute sollten dort arbeiten.

Exporte nach Italien, ein Werk in Bulgarien, eine Zentrale in München: In Europa hat GWM schon mehrmals angefangen.

Weißer Kleinwagen Great Wall Voleex C10 mit roter Aufschrift „Made in България“ und Sponsorenhinweis auf einem Parkplatz, dahinter weitere Autos und eine Stadiontribüne
Great Wall Voleex C10 mit Werbung für die Montage in Bulgarien, Sofia 2012Foto: Bin im Garten / Wikimedia Commons, Kennzeichen unkenntlich gemacht · CC BY-SA 3.0

Deutschland: erst Platz zwei, dann der Umbau

In Deutschland ging es im Januar 2023 los. Den Import übernahm die eigens gegründete O! Automobile GmbH in Friedberg in Hessen, ein Unternehmen der Emil Frey Gruppe, zuerst mit dem Elektro-Kompaktwagen ORA Funky Cat ab 38.990 Euro. Im selben Monat kam das Plug-in-Hybrid-SUV WEY Coffee 01 nach Europa, im November 2023 übernahm O! Automobile auch den Vertrieb von WEY in Deutschland. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2023 4.660 neue GWM auf die Straße. Unter den chinesischen Marken lag GWM damit nach eigenen Angaben auf Platz zwei.

Dann folgte der Umbau. Im Februar 2024 stellte GWM die Namen um: Die Dachmarke heißt seitdem GWM, ORA und WEY sind Produktlinien, die Modelle tragen Ziffern. Aus dem Funky Cat wurde der ORA 03, aus dem Coffee 01 der WEY 05. Im Mai 2024 wurde bekannt, dass GWM die Münchner Europazentrale Ende August schließt, nach Medienberichten waren rund 100 Beschäftigte betroffen. In ganz Europa waren 2023 rund 6.300 neue GWM zugelassen worden.

Gesteuert wurde das Europageschäft danach zunächst direkt aus China, seit Herbst 2024 über eine Gesellschaft in den Niederlanden. Das Teilelager zog von Nürnberg nach Amsterdam. Verkauf und Service in Deutschland liefen über O! Automobile und die Händler weiter, die Zulassungen aber sanken: 3.002 im Jahr 2024, 2.386 im Jahr 2025.

Neustart mit HAVAL und ORA 5

Im Oktober 2025 kündigte GWM einen Neustart an: neun neue Modelle und Varianten für Europa bis 2027, mit Benzinmotor, als Vollhybrid, als Plug-in-Hybrid und elektrisch. Die Regionalzentrale sitzt in Eindhoven in den Niederlanden, in München arbeitet ein Technikzentrum mit Designstudio. Seit Januar 2026 steht mit dem Vollhybrid HAVAL H6 erstmals die SUV-Linie HAVAL bei den deutschen Händlern, dazu kam der HAVAL Jolion Pro. Im August 2026 folgte der ORA 5 als Benziner und als Vollhybrid, die Elektroversion und ein Plug-in-Hybrid sollen Anfang 2027 kommen. Den Hybridantrieb hat nach Herstellerangaben das europäische Entwicklungsteam von GWM für europäische Straßen abgestimmt. Für das vierte Quartal 2026 ist der HAVAL H7 angekündigt, mit dem das Hybrid-Allradsystem Hi4 erstmals nach Europa kommt. Die Plug-in-Hybride WEY 03 und WEY 05 führt GWM inzwischen als Auslaufmodelle.

Den Import verantwortet weiter O! Automobile, laut GWM gibt es in Deutschland rund 150 Partner. Die Zahlen sind noch klein: Von Januar bis September 2026 wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt 1.189 neue GWM zugelassen, 227 davon im September. Neu ist die längere Garantie für die jüngsten Modelle: ORA 5 und HAVAL H7 bekommen 7 Jahre oder 150.000 km, die übrigen Modelle 5 Jahre ohne Kilometergrenze.

Neun neue Modelle bis 2027: Nach dem Umbau setzt GWM in Europa auf mehr Antriebe und mehr SUV.

GWM in Jahreszahlen

  1. 1984In Baoding beginnt die Great Wall Industry Company mit dem Bau eigener Nutzfahrzeuge.
  2. 1990Wei Jianjun übernimmt die Leitung des Unternehmens.
  3. 1996Mit dem Pick-up Deer wird Great Wall zum führenden Pick-up-Hersteller Chinas.
  4. 2003Börsengang in Hongkong als erster privater Autohersteller Chinas.
  5. 2010Der Haval H6 debütiert in Guangzhou, bis 2024 werden weltweit mehr als vier Millionen verkauft.
  6. 2012Bei Lowetsch in Bulgarien eröffnet das erste Montagewerk eines chinesischen Autobauers in der EU.
  7. 2021Auftritt auf der IAA Mobility in München, im November eröffnet GWM dort eine Europazentrale.
  8. 2023Marktstart in Deutschland mit dem ORA Funky Cat und dem WEY Coffee 01.
  9. 2024Aus Funky Cat wird ORA 03, Ende August schließt GWM die Europazentrale in München.
  10. 2026Neustart in Deutschland mit dem HAVAL H6 im Januar und dem ORA 5 im August.

Für Käufer

Was das für dich heißt

  • Garantie: 7 Jahre oder 150.000 km für ORA 5 und HAVAL H7, 5 Jahre ohne Kilometerbegrenzung für die übrigen Modelle, Hochvoltbatterie 8 Jahre oder 160.000 km.
  • Auswahl: ORA und HAVAL als Benziner, Vollhybrid oder Elektroauto, dazu die Plug-in-Hybride WEY 03 und WEY 05 als Auslaufmodelle, der HAVAL H7 ist für Ende 2026 angekündigt.
  • Händler: laut GWM rund 150 Partner in Deutschland (Stand Oktober 2026), Importeur ist die O! Automobile GmbH aus der Emil Frey Gruppe.
  • Namen: Der ORA 03 hieß bis 2024 Funky Cat, WEY 05 und WEY 03 hießen Coffee 01 und Coffee 02, das hilft bei Gebrauchtwagen und älteren Tests.

Quellen

  1. GWM Deutschland: ORA kommt nach Deutschland (12.10.2022)
  2. GWM Deutschland: Emil Frey wird Vertriebspartner von GWM WEY (04.12.2023)
  3. GWM Deutschland: ONE GWM, die neue Markenstrategie (26.02.2024)
  4. GWM Deutschland: Marktexpansion für Europa mit neuer Produktpalette (14.10.2025)
  5. GWM Deutschland: HAVAL H6 als Auftakt der SUV-Produktlinie (10.12.2025)
  6. electrive: Great Wall schließt wohl Münchner Europazentrale (28.05.2024)
  7. AUTO BILD: Great Wall Motors schließt Europazentrale in Deutschland (03.06.2024)
  8. Kraftfahrt-Bundesamt: Neuzulassungen nach Marken und Modellreihen (FZ 10), Datenlizenz by-2-0 · Lizenztext
  9. Internet Info Agency: GWM-Absatz 2025 (15.01.2026, englisch)
  10. Wikipedia: Great Wall Motor (englisch)

Stand Oktober 2026. Angaben nach bestem Wissen und ohne Gewähr. Fotos von Wikimedia Commons, Urheber und Lizenz stehen am jeweiligen Bild.

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